Interview mit Susi Reichert

Hallo Susi! Schön, dass du dir Zeit nimmst, uns was von dir zu berichten. Erzähl mal ein wenig von dir.

Servus! Ich bin Susi, bin 34 Jahre alt und komme aus Nussdorf, ein kleines Dorf in der Nähe von Traunstein im Chiemgau. Seit 2016 hat das Laufen einen spürbaren Einfluss auf mich. Vorher war es eigentlich nur gedacht zum "Hirn auslüften" vom vielen Lernen während meiner Studienzeit, also eher die willkommene Abwechslung zum Schreibtisch.


Yeah, Chiemgau! Lässt sich aushalten😁. Wann kam es denn, dass du dir irgendwann vorgenommen hast, mit dem Laufen anzufangen?

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Susi beim RunSummit 2021
Foto: Philipp Reiter
Mein Bewusstsein für den Laufsport kam erst, als ich als Ersatz für eine Bekannte, spaßeshalber, beim Marathon in München teilnahm. Da wurde mir klar, dass das, wie Fußball, eigentlich ein Volkssport ist, in dem es ein Breitband an Läufern gibt, von den Hobbyläufern, wie ich einer war, bis hin zu den ambitionierten und den professionellen Läufern. Ich bin den Marathon gelaufen, mit nagelneuen Schuhen (einen Tag zuvor gekauft) und es hat mich selbst beeindruckt, wie gut das so ganz ohne Training funktioniert hat. Daraufhin lief ich immer wieder mal bei Läufen mit, ohne Training, ohne Ehrgeiz, just for fun. Wo ich allerdings schon sportliche Ambitionen hatte und auch immer noch habe, ist im Bergsport. Schon als Mädchen war ich stundenlang mit der Familie, später mit Freunden oder meiner DAV Jugendgruppe in den Bergen unterwegs, Sommer wie Winter. Ich habe mir damals eine Liste von Bergen angelegt, die ich vor habe zu besteigen. An einigen konnte ich schon einen Haken setzten, einige (viele) fehlen noch.... das Laufen, wie ich es jetzt tue, ist eine perfekte Kombination aus dem Bergerlebnis, wie ich es so liebe und dem Laufen. Aus beruflichen Gründen wurde ich ins Allgäu versetzt, das mir so gut gefiel, dass ich mir vornahm ,dort auch ein paar Berge abzuklappern. Allerdings war nicht sicher, wie lange ich dafür Zeit hatte, denn die nächste Versetzung stand schon wieder vor der Tür... Also war für mich damals die einzige logische Lösung, meine Allgäuer Bergliste so schnell wie möglich abzuarbeiten - also fing ich an, auf die Berge zu laufen, statt zu wandern, was eindeutig schneller ging. So kam ich zum Sport "Trailrunning".

Ich habe da einen kleinen Artikel in der Zeitung über Euch gelesen: Laufende Elternzeit. Um was ging es da genau? 

Bei dem Artikel ging es um folgendes: Ich bin momentan noch in Elternzeit und habe in Sonthofen beim "Sonthofner Citylauf" für mein Laufteam, dem Allgäu Outlet Raceteam, teilgenommen. Der Artikel bekam wohl den Titel "Laufende Elternzeit", da mein Mann Flo ebenfalls bei dem Wettkampf teilnahm und wir uns in der Wechselzone unseren Sohn überreicht haben...mit Elternzeit an sich hat das eigentlich nichts zu tun...


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Laufen mit Kind ist also möglich und man muss nicht zwingend mit dem Sport aufhören, wenn man Mutter wird? Wie bekommst du das organisiert?

Na klar ist Laufen mit Kind möglich. Sowohl körperlich als auch zeitlich. Wobei ersteres sehr individuell ist, denn generell Sport zu treiben ist sehr von der Geburt und der folgenden Verfassung abhängig. Was das zeitliche Thema angeht, so habe ich in meinem Fall einfach Glück, dass ich es mir a) leisten kann Elternzeit zu nehmen und b) den Vorteil habe, dass mein Mann Flo auch Elternzeit nehmen konnte und nach der Elternzeit nachmittags und an den Wochenenden fast immer zu Hause ist. Aber das A und O bei uns ist, dass wir konkret Tag für Tag absprechen, wer wann was macht und seine Freizeit nutzt. Nur so funktioniert´s. Natürlich bedeutet das auch, dass man dann, wenn man seine 2h frei hat, nicht auch unbedingt die Energie hat eine ordentliche Trainingseinheit zu schaffen, weil man nachts nur 4 h geschlafen hat - das ist dann die Herausforderung noch das Maximum rauszuholen. In einem halben Jahr fange ich auch wieder das Arbeiten an - das wollte ich so, obwohl meine Elternzeit noch 2 Jahre hätte weiterlaufen können. Aber mir fehlt der Austausch mit meinen Kollegen, mir fehlen meine Schüler und die Arbeit mit ihnen. Unser Sohn geht dann mit 1,5 h in die Kita, mal sehen, wie ich das dann hinbekomme...


Auch das werdet ihr bestimmt gut meistern 😉. Bei Wettkämpfen bist du ja vorne mit dabei, das erfordert doch auch ordentlich Trainingsaufwand. Wie sieht das Training bei dir aus?

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Mein momentanes Training gestaltet sich so, dass ich versuche, jeden Tag vor die Türe zu gehen und Sport zu treiben. Das ist nicht immer Laufen, das ist auch mal Klettern, Wandern oder Radeln. Mal mit mal ohne Kind. So lange ich Zeit habe. Wenn ich mich gut fühle, dann versuche ich mein Tempo zu steigern. Wenn ich mich besonders gut fühle, dann baue ich Intervalle ein - kurz: ich trainiere nach Gefühl, so wie es mir gut tut. Ich mag die große Anstrengung - aber nicht jeden Tag, dann lass ich es ruhiger angehen. Seit diesem Jahr (2022) habe ich eine mir selbst auferlegte Challenge : "5keveryday" - dabei geht es nur um die zu erreichende Kilometerangabe - und eigentlich ist es für mich der Trick, mich selbst vor die Tür zu locken und zu sporteln. An guten Tagen und schlafreichen Nächten (wenn unser Kleiner mal länger als 4h am Stück geschlafen hat) werden es locker mehr km, an schlechten Tagen zuckel ich mit dem Kinderwagen auf dem flachen Fahrradweg dahin. Zu einem guten Training achte ich sehr auf eine ausgewogene und gesunde Ernährung. Meine andere Leidenschaft ist das Kochen. Das mach ich jeden Tag, jeden Tag frisch und abwechslungsreich.


Hast du auch während der Schwangerschaft trainiert? Wie hält man seine Fitness möglichst bei?

Während der Schwangerschaft bin ich kaum gelaufen, ab dem 4. Monat war für mich Schluss, denn es hat sich einfach nicht gut angefühlt. Stattdessen war ich sehr viel wandern, stundenlang. Noch 2 Tage vor Entbindung war ich mit meinem Mann auf Skitour unterwegs, das war anstrengend aber bringt einen auf andere Gedanken, kurz vor der Entbindung war das genau das richtige für mich. Damit konnte ich ganz gut meine Grundkondition und mein Gewicht halten.


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Podiumsfoto mit Nachwuchs 
Dein Sohnemann ist ja stets dabei: Selbst auf dem Podiumsfoto vom Pitz Alpine Glacier Trail. Tritt er mal in deine Fußstapfen?

Ja, klar, der Pitz Alpin Glacier Run war der längste Wettkampf nach der Geburt meines Sohnes, der damals 5 Monate alt war. Da war ich einfach mega stolz auf dem Podium stehen zu dürfen und ich wollte unbedingt ein Foto mit ihm auf meinem Arm davon haben. Ob mein Sohn mal in meine Fußstapfen tritt, so wie du das bezeichnest, weiß ich nicht und ist mir auch tatsächlich nicht wichtig. Er wird seinen Weg finden, ich werde ihm dabei nur helfen.


Sehr schöne Einstellung 😊. Du machst in diesem Jahr bei der Challenge „5k every day!“ mit. Jeden Tag mindestens 5 Kilometer laufen. Wie motivierst du dich das ganze Jahr über, das durchzuziehen?

5 k every day... Manchmal klappt es super gut raus zu gehen. Diese 5 km beziehen sich in meinem Fall auf: Laufen, Wandern und Skitour gehen. Radfahren gehört logischerweise nicht dazu. Wie ich mich motiviere? Meistens fällt es mir leicht, da ich gerne draußen bin und ich auch keine Lust habe, den ganzen Tag mit meinem Sohn Klötze zu stapeln oder zu suchen. Mein Sohn ist auch super gerne draußen, er liebt es schnell durch die Gegend geschoben oder getragen zu werden. Manchmal gibt's aber natürlich auch Tage, an denen ich mich sehr schlecht motivieren kann. Das sind meistens die, wo mir durch schlaflose Nächte die Energie und der Antrieb fehlt. Dann klappt's eigentlich nur mit einem guten Podcast oder Musik.

Und deine längste gelaufene Distanz bist du wo gelaufen? Was war dein härtestes Rennen?

Längste Distanz: 45 km, 2019, Trail Weltmeisterschaft Portugal / Coimbra. Härtestes Rennen: Stubai Ultratrail 2019 - angegebene Streckenlänge und Höhenangabe stimmten nicht mit den tatsächlichen Streckenparametern überein, aus angegebenen 35 km wurden 40 km und aus 3800 hm standen am Schluss über 4000 hm auf meiner Uhr... das "Harte" daran war einfach, dass man einfach nicht wusste, wann dieser anstrengende Lauf wirklich endete.


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Allgemein sollte man ja auf seinen Körper hören. Was sind denn typische Warnsignale, gerade bei Wettkämpfen. Und wie gehst du damit um? Wie beugst du Verletzungen vor?

Körperliche Warnsignale sind ja meist, außer Stürze oder andere vorhergesehen Zwischenfälle, Überlastungserscheinungen von Körper oder Geist. Was die physische Verfassung angeht, so hatte ich bisher kaum Beschwerden, und wenn dann ein Ziehen in der hinteren Oberschenkelmuskulatur... Wenn das kommt, nehme ich Magnesium zu mir und versuche bewusst meine Beine durchzustrecken, ich bin aber auch schon stehen geblieben und hab mich gedehnt. Wenn ich für meine Verhältnisse zu lange laufe (meist nach 4h), werde ich auch irgendwann mental müde, kurz: ich habe einfach keine Lust mehr zu laufen. Dann Bedarf es mentaler Anker: Ich verspreche mir dann z.B. selbst etwas, denke mir sozusagen eine Belohnung für nach dem Rennen aus, die ich mir gedanklich in schillernden Farben ausmale und konkretisiere. Die beste Vorbereitung für eine harte sportliche Belastung ist in meinen Augen die Prävention: gute, gesunde, abwechslungsreiche Ernährung (ich verwende hierbei viele Produkte von AlpenPower), eine stabile, liebevolle Partnerschaft/ soziales Netz, gewohnte körperliche Belastung, die den Wettkampfparametern nahe kommt, Zeit für Entspannung, ausreichend Schlaf und eine gesunde Portion Selbstvertrauen.


Lieben Dank für deine Zeit und weiterhin viel Spaß beim Laufen mit Nachwuchs 😊.


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